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Fragen an Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Staatssekretär a. D., Vorsitzender des Beirats des Zentrums für Interdisziplinär Gesundheitsforschung (ZIG) an der Universität Augsburg und Mitglied des Universitätsrates der Universität Augsburg


Sie sind, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Leonhard, seit der Konstituierung des ZIG-Beirats Vorsitzender dieses Gremiums. Welche Ziele verfolgt der Beirat und inwiefern kann der Beirat das Forschungszentrum unterstützen?

Der Beirat setzt sich aus ehrenamtlich wirkenden Persönlichkeiten zusammen, die ihr jeweiliges Wissen und ihre beruflichen Erfahrungen in bewusst unterschiedlichen Feldern der Theorie und Praxis interdisziplinärer Gesundheitsforschung in die gemeinsame Arbeit an der Universität Augsburg einbringen. Sie beraten damit den Vorstand einschließlich der Geschäftsführung des ZIG und die vielverzweigten Forschungsaktivitäten seiner universitären Mitglieder und tragen über die Interdisziplinarität in der Gesundheitsforschung auch der strategischen Grundausrichtung der neuen und modernen medizinischen Forschung und Lehre an der Universität Augsburg Rechnung, die  über den notwendigen Kanon einer medizinischen Fakultät hinausgeht, ja, diesen bewusst erweitern soll: dies bedeutet nicht nur die schon eher gewohnte Einbeziehung der Biowissenschaften in den Diskurs medizinischer Forschung und Lehre, sondern – im Sinne breiterer Sicht – auch von Lebenswissenschaften mit sozialwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen, aber auch rechtswissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen. Für letzteres gab es in Augsburg schon länger Forschungsschwerpunkte, nämlich beispielsweise Fragen der hospizlich-palliativen Begleitung und Versorgung des Menschen am Ende des Lebens aus sozialwissenschaftlicher Sicht, Themen des Medizinrechts und des Arzneirechts aus rechtswissenschaftlicher Perspektive, der vor allem volkswirtschaftlichen Bedeutung der Entwicklung eines Gesundheitswesens in einem demokratischen Staat, um nur drei Beispiele zu nennen.

An der Universität Augsburg, die sich ja seit ihrer Gründung als Reformuniversität versteht, hat es die in die Gründung des ZIG mündenden interdisziplinären Forschungsansätze schon gegeben, als von der erst später von der Bayerischen Staatsregierung verkündeten Gründung einer neuen medizinischen Fakultät und der Wandlung des städtischen Klinikums zu einer Universitätsklinik noch nicht die Rede war – obwohl sie lokale Interessenten in Universität und Stadt seit der Universitätsgründung im Jahre 1970 hin und wieder ins Spiel brachten. Als die Gründung der medizinischen Fakultät durch Ministerpräsident Horst Seehofer in einem Festakt am 2. Dezember 2016 nach intensiven Planungen kleinerer Arbeitsgruppen gefeiert werden konnte, war es gut, auch schon an der Universität angesiedelte Stärken einer solchen Gesundheitsforschung etabliert zu haben. Darauf ließ sich das von vornherein ebenfalls interdisziplinär angelegte und vom Wissenschaftsrat gewürdigte Konzept einer Augsburger Universitätsmedizin trefflich aufbauen.

Welches sind für Sie zurzeit die zentralen Fragestellungen im Beirat, die es zu diskutieren gilt, und wie können die einzelnen Beiratsmitglieder das ZIG bei seiner Profilierung konkret unterstützen?

Wir haben derzeit drei Themenbereiche im Zentrum unserer Betrachtungen, die von einzelnen Mitgliedern des ZIG schon seit dessen Gründung, genauer: in einzelnen Fällen aber auch schon davor, betrieben werden. Das sind Fragen der Prävention, wo es z. B. in einem Projekt um Bewegung, Ernährung und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in benachteiligten Stadteilen in Frankreich und Deutschland geht; ferner Forschungsthemen zum Verhältnis „Mensch-Maschine-Interaktion" und zu  Digitalen Medien und Technostress; und schließlich, im dritten Schwerpunkt, geht es um Fragen zum Lebensende, zum Sterben zu Hause, im Heim oder an anderen Orten, zur Hospizkultur, zur Palliativmedizin, zur Ehrenamtlichkeit in der Hospizarbeit und übergreifend um Fragen von Solidarität in unserer Gesellschaft.

An den Entwicklungen dieser Forschungsbereiche beteiligen sich die Mitglieder des Beirates, indem sie ihre eigene Expertise einbringen, Fragen zum Verständnis und zur Vermittlung von Forschungsergebnissen stellen oder auch Anregungen und Empfehlungen geben bis hin zum Rat, wo für welches Forschungsprojekt Fördermittel eingeworben werden könnten, wie mit welchen Referenten wann und wo Öffentlichkeitsarbeit und Wissensvermittlung zu betreiben sein könnte – die Reihe ließe sich leicht fortsetzen. Wichtig ist, dass der Beirat als beratendes Gremium fungiert und nicht etwa als ein Aufsichtsrat: das entspräche nicht dem Effekt der beratenden Begleitung, den der Beirat aktiv wahrnimmt.

Das beinhaltet aber auch, dass der Diskurs zwischen dem Vorstand des ZIG, der ja die Aktivitäten des ZIG koordiniert, und dem Beirat offen geführt wird, was nichts anderes bedeutet, als dass auch die Beiratsmitglieder beispielsweise auf aus ihrer jeweiligen Sicht interessante Themen nicht nur hinweisen können, sondern dies aus der Erfahrung ihres beruflichen Umfeldes auch tun sollten. Nehmen wir folgende Beispiele: Erstens,  das Thema medizinische Betreuung von Asylsuchenden oder Zuwanderern ist stets auch als interkulturelles, ja auch interreligiöses Thema anzusehen, das es in den Zusammenhang von Gesundheitswesen und Krankenbehandlung, aber auch in das Curriculum des Medizinstudiums einzugliedern gilt. Oder zweitens: Wie muss die Krankenversorgung im ländlichen Raum organisiert werden, wenn immer mehr Absolventen des Medizinstudiums eher in Ballungsräume gehen. Oder drittens. Was wird die Digitalisierung, deren Ende wir ja keineswegs absehen können, für das Verhältnis Arzt zu Patient, für die Relation zwischen stationärer und ambulanter Versorgung an Notwendigkeiten aufwerfen und Folgen nach sich ziehen - im demographischen Wandel und der Notwendigkeit neuer Organisationsformen?

Je klarer und offener solche Fragen zwischen Forschung und Praxis erörtert werden, umso zielgerechter wird sich das Netzwerk, das über das ZIG angestoßen wurde und sich weiter entwickeln wird, erweitern oder konzentrieren können – an der Universität Augsburg, aber auch im regionalen und überregionalen Maßstab.

Als das ZIG im Frühjahr 2014 aus einem Netzwerk interessierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entstanden ist, war die Gründung eines Universitätsklinikums in Augsburg noch nicht absehbar. Welche Bedeutung hat die Gründung der medizinischen Fakultät am 1. Dezember 2017 und der Entstehung eines Universitätsklinikums für das ZIG?

Dies wird die ohnehin schon gute und früher begonnene Arbeit im Forschungszentrum sicher beflügeln, denn nun kommen über die vorklinischen Fächer und die Forschung und Lehre im klinischen Bereich neue Impulse kompetent hinzu. Auch entspricht diese interdisziplinäre Wechselhaftigkeit nicht nur der Gründungsphilosophie des ZIG, sondern auch der medizinischen Forschung und Lehre im Augsburger Medizinkonzept, das der Wissenschaftsrat bei seinen Bewertungen und Empfehlungen ausdrücklich als modern und zukunftsweisend hervorgehoben hat. Das ist eine große Chance, bedarf aber auch stets des Prinzips der Augenhöhe, wenn man Interdisziplinarität nicht nur erzeugen und entwickeln, sondern gewissermaßen auch ‚leben‘ will. Es wird interessant sein, in Zeitabschnitten von jeweils etwa fünf Jahren hin und wieder Zwischenbilanzen zu ziehen, ggf. Nachjustierungen vorzunehmen und dabei stets die durch die neue Medizinfakultät entstehende Kompetenz so einzubeziehen, dass das Netzwerk, das die Universität Augsburg nach innen im Zusammenspiel der einzelnen Fakultäten grosso modo schon von Anbeginn bestimmt hat, unter diesen neuen Vorzeichen angepasst und fortgeschrieben werden kann. Ich bin da sehr zuversichtlich.

Wo sehen Sie als Sprecher des Beirats das Forschungszentrum in 10 Jahren?

In etwa zehn Jahren wird die Universitätsmedizin mit zwei großen Einrichtungen wie der Medizinischen Fakultät und dem gewandelten Universitätsklinikum ihre Gründungs- und Aufbauphase hinter sich haben und in den nächsten Schritt einer Ausbauphase eingetreten sein. Das ZIG wird sich als zunehmend sichtbares Forschungszentrum in der Region und darüber hinaus in seiner Eigenverantwortlichkeit immer interdisziplinär den Fragen von Gesundheit und Krankheit, Medizin und Gesundheitssystem, in Forschung und Lehre gewidmet haben, es wird aber auch von ihm ausgehende  Impulse in das Gesamtgefüge einbringen  wie das ZIG aber auch Initiativen aus dem medizinischen Bereich in das Arbeitsprogramm des ZIG aufnehmen wird. Eine wechselseitige Beziehung wird sich bis dahin aufbauen lassen, die konsequent den Augsburger Reformkurs so auszeichnet, wie dies schon bei der Gründung der Hochschule im Jahre 1970 kennzeichnend war.  Das ZIG kann für die großen Tanker Funktionen eines Außenbordmotors eines Lotsen annehmen, wenn es bei der Steuerung des Ganzen um Kursbeschreibungen oder -korrekturen gehen wird.

Das Interview als PDF

Stand: November 2017                                              Zurück zum Beirat